Konjunkturen der Grundeinkommensdiskussion – Update

Der Internetkonzern Google ist seit Jahren dabei, ganze Bibliotheksbestände zu digitalisieren. Seit einiger Zeit bietet er die Möglichkeit an, sich die Häufigkeit bestimmter Worte in diesen Beständen als Grafik anzeigen zu lassen (Google Ngram Viewer). Das eröffnet die Möglichkeit, auch die Konjunktur der Grundeinkommensdiskussion grafisch abbilden zu lassen, und zwar zum Beispiel entlang der Häufigkeit, mit der das Wort „Grundeinkommen“ in den erfassten Buchbeständen vorkommt. Das Ergebnis ist nicht nur anschaulich, sondern trifft tatsächlich die Konjunkturen der Diskussion relativ gut.

Grundeinkommensdebatte im deutschsprachigen Raum, 1965-2019

Wie man im Schaubild sieht, gibt es im Wesentlichen drei Konjunktur-Zeiträume in Deutschland: 1.) die 1980er-Jahre, ausgehend von Ralf Dahrendorfs Aufsatz „Im Entschwinden der Arbeitsgesellschaft“ und dem sich daran anschließenden Soziologie-Kongress in Bamberg 1982 zur „Krise der Arbeitsgesellschaft“ , sowie 2.) die Zeit der Einführung der „Hartz-Gesetze“ ab 2002 bis zur europäischen Finanzkrise von 2008. Letztere hat in Deutschland zeitweise zu einer ausgeprägten Konjunkturabkühlung geführt. Die Jahre bis zur Bewältigung der Eurokrise waren keine günstige Zeit für utopisch anmutende Diskussionen zum bedingungslosen Grundeinkommen. Der Kühlschrankeffekt der Eurokrisen-Konstellation begann sich ab 2014 allmählich aufzulösen, sodass danach von einer 3.) Konjunktur gesprochen werden kann, die das Niveau der vorausgehenden mittlerweile schon übersteigt. Was in dem Schaubild nicht mehr sichtbar wird, ist zudem die zusätzliche Belebung der Diskussion durch die Corona-Krise.

In den USA liegen die Konjunkturen der Diskussion zeitlich deutlich anders, vor allem, was den ersten Konjunktur-Zeitraum anbelangt:

Grundeinkommensdebatte in den USA bzw. im Bereich „American English“, 1955-2019

Hier gab es in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre bis zur Mitte der 1970er-Jahre eine breitere gesellschaftliche Debatte zur Idee eines guaranteed annual income, die zu groß angelegten, staatlich finanzierten, sozialwissenschaftlich begleiteten „Minimum Income Maintenance Experiments“ in verschiedenen Teilen der USA und Kanada führte und es beinahe zu einer politischen Implementation einer Grundeinkommensvariante der Negative Income Tax unter der Nixon-Administration schaffte, bevor das Land dann ab der Achsenzeit Mitte der 1970er-Jahre einen völlig anderen Pfad der gesellschaftlichen Entwicklung einschlug (Stichwort: Wiedereinführung der Todesstrafe, Ausbau des Gefängniswesens, Workfare, Wirtschaftswachstum auf Pump, forcierte Privatisierung und Deregulierung, usw.). In der damaligen Debatte ging es dabei keineswegs nur um die Idee einer Negativen Einkommensteuer, wie sie von dem libertären Ökonomen Milton Friedman vorgeschlagen wurde, sondern ebenso um die Variante einer Sozialdividende, also einem echten bedingungslosen Grundeinkommen. Zwar dominierte die Negative Income Tax die politischen Diskussionen im Umfeld der konservativen Nixon-Administration und stand auch bei den staatlich beauftragten Sozialexperimenten im Vordergrund. Aber die gesellschaftliche Debatte war deutlich weiter gefasst und radikaler, mit Fürsprechern eines bedingungslosen Grundeinkommens wie Martin Luther King Jr., Robert Theobald, Margaret Mead, Erich Fromm, Hannah Arendt und anderen.

Die erste Debattenkonjunktur in den USA hat wiederum der zeitlich später liegenden ersten Konjunktur in Deutschland in den 1980er-Jahren viele Stichworte geliefert. Zwar sind die USA erst seit Kurzem wieder dabei, über das Thema breiter zu diskutieren. Aber sie sind allem Anschein nach trotzdem schon im Begriff, sich zu einem zentralen Hotspot der internationalen Grundeinkommensdiskussion der Gegenwart zu entwickeln.

Nicht zu übersehen ist jedoch, dass für die deutsche, die nordamerikanische und die generelle Entwicklung der modernen Grundeinkommendiskussion entscheidende intellektuelle Impulse aus Großbritannien kamen, wo unter der Überschrift „State Bonus“ (D. & M. Milner), „Vagabond’s Wage“ (B. Russell), „Social Credit“ & „National Dividend“ (C.H. Douglas), „Social Dividend“ (G.D.H. Cole), „New Social Contract“ (J. Rhys-Williams) verschiedene Konzepte mit unterschiedlicher Nähe zur Grundeinkommensidee zwischen dem Ende des Ersten bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges entwickelt wurden .

Grundeinkommensdebatte in Großbritannien bzw. im Bereich „British English“, 1910-2019

Großbritannien ist das Land mit der Muße-erfahrenen Gentlemen-Kultur, für welche die Lebensmaxime charakteristisch ist, zu „Leben, um (frei und selbstbestimmt) zu arbeiten und nicht (bloß) zu arbeiten, um zu leben“. Der modernere britische „aristokratische Liberalismus“ hat diese Lebenserfahrung zwischen den beiden Weltkriegen zum Teil in eine Grundeinkommensdiskussion übersetzt, in der es nicht zuletzt darum ging, die Mußekultur für Alle zugänglich zu machen.

Tatsächlich lässt sich ein bedingungsloses Grundeinkommen insbesondere als eine „Demokratisierung der sozialstrukturellen Verfügbarkeit von Muße“ verstehen, um es mit eigenen Worten auszudrücken. Eine solche Perspektive haben besonders Bertrand Russell , John Maynard Keynes , A. Romney Green , Thomas H. Marshall in seiner einflussreichen Abhandlung „Citizenship and Social Class artikuliert, in der er die Fortentwicklung des Sozialstaats in Anknüpfung an den britischen Ökonomen Alfred Marshall auf die Perspektive einschwor, jede/n Bürger*in schlussendlich zur Gentlemen-Existenz zu verhelfen. Thomas H. Marshall war an der London School of Economics (LSE) Doktorvater des Initiators der ersten Diskussionskonjunktur zum Grundeinkommen in Deutschland Lord Ralf Dahrendorf. Dieser wurde später Direktor der LSE und hielt durchgängig bis zu seinem Lebensende 2009 an der Grundeinkommensidee fest . Die mußebezogene Grundeinkommensperspektive wurde dann in der nordamerikanischen Grundeinkommensdebatte der 1960er-Jahre allen voran vom britisch-stämmigen und Cambridge-studierten Ökonomen Robert Theobald artikuliert .

Zitiervorschlag: Manuel Franzmann, "Konjunkturen der Grundeinkommensdiskussion – Update," In: SocioAnalysis-Blog, 27. Juli 2020, https://blog.manuelfranzmann.de/2020/07/27/konjunkturen-der-grundeinkommensdiskussion-update/.

Erwähnte Literatur:

Matthes, Joachim (Hrsg.) (1983): Krise der Arbeitsgesellschaft? Verhandlungen des 21. Deutschen Soziologentages in Bamberg 1982. Frankfurt; New York: Campus.
Dahrendorf, Ralf (2009): Nordrhein-Westfalen 2025. Innovation und Solidarität. Bericht des Vorsitzenden der Zukunftskommission. Düsseldorf: Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen.
Green, A. Romney (1942): Social Reconstruction by the Regulation of Incomes. In: The Economic Journal, Jg. 52/205, S. 37–44. http://doi.org/10.2307/2225699.
Russell, Bertrand (1918): Roads to freedom: socialism, anarchism, and syndicalism. London: Allen & Unwin.
Marshall, Thomas H. (1950): Citizenship and Social Class. In: Citizenship and Social Class and other essays. New York: Cambridge University Press, S. 1–85.
Russell, Bertrand Arthur William (1935): In praise of idleness and othes essays. London: Allen & Unwin.
Sloman, Peter (2019): Transfer State: The Idea of a Guaranteed Income and the Politics of Redistribution in Modern Britain. Oxford, New York: Oxford University Press.
Dahrendorf, Ralf (1980): Im Entschwinden der Arbeitsgesellschaft: Wandlungen in der sozialen Umstruktur des Lebens. In: Merkur, Jg. 34/8, S. 749–760.
Keynes, John M. (1930): Economic Possibilities for Our Grandchildren. S. 321-332 in: Essays in Persuasion. The Collected Writings of John Maynard Keynes, IX. London: MacMillan.
Theobald, Robert (1963): Free Men and Free Markets. New York: C.N. Potter.
Theobald, Robert (1961): The Rich and the Poor: A Study of the Economics of Rising Expectations. New York: New American Library.

Veröffentlichungen mit thematischem Bezug zum bedingungslosen Grundeinkommen:

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